Hintergrundgespräche Teil 12

Hintergrundgespräche Teil 12

»Wir befinden uns in einer vorrevolutionären Phase«

Hintergrundgespräch von Celina Jacobs (Rote-Fahne-TV) mit Stefan Engel zum vorrevolutionären Gärungsprozess

Von RW-Redaktion

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Celina Jacobs (Rote-Fahne-TV): Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer von Rote Fahne-TV, wir haben uns hier nach langer Zeit wieder zu einem Hintergrundgespräch mit Stefan Engel zusammengefunden, um über die aktuelle Lage in der Welt zu sprechen. Es ist ja wirklich viel passiert in den letzten Monaten und das Zentralkomitee der MLPD ist zu der Einschätzung gekommen, dass wir es mit einer vorrevolutionären Gärung zu tun haben.

Einspieler

Celina Jacobs (Rote-Fahne-TV): Stefan, eine vorrevolutionäre Gärung - was können wir uns darunter genau vorstellen?

Stefan Engel: Ja, das ist eine Situation, in der die relative Ruhe, wie sie sonst herrscht, nicht mehr existiert, aber auch noch keine akut revolutionäre Situation entstanden ist. Das ist so eine Art Zwischenstufe und wird deutlich an der Bewegung unter den Massen, unter der Arbeiterklasse. Wir haben die Situation, dass wir 2025 weltweit über 306 Millionen Menschen in Arbeiter- und Volkskämpfen, davon 265 Millionen in Arbeiterkämpfen und Streiks erlebt haben. 2026 waren es allein vom Januar bis April sogar mindestens 361 Millionen und davon 346 Millionen in Arbeiterkämpfen und Streiks. Eine solche Aufwallung, eine solche Bewegung hat es in der Geschichte noch nicht gegeben.

Celina Jacobs (Rote-Fahne-TV): In dieser Situation, die wir alle noch nicht erlebt haben, können wir von der MLPD nicht einfach weiterarbeiten wie bisher. Was für Schlussfolgerungen hat die MLPD für ihre Arbeit gezogen, um sich zu verändern? Was muss jeder Einzelne heute tun?

Stefan Engel: Einer der größten Trümpfe der MLPD ist, dass sie eine klare ideologisch-politische Linie hat. Wir haben eine klare Einschätzung von der Entwicklung und können insofern bewusstseinsbildend auf die Menschen, auf die Massen, auf die Arbeiterbewegung, die Jugendbewegung einwirken und ihnen helfen, die Sachen besser zu durchschauen. Das ist die größte Stärke, die wir haben. Wir tun das auch, indem wir eine systematische Kleinarbeit in Betrieb und Gewerkschaft machen. Das ist unsere Hauptkampflinie. 70 Prozent unserer Mitglieder sind Arbeiter. Wir haben in den großen Industriebetrieben unsere feste und größte Verankerung. Wir arbeiten in der kämpferischen Frauenbewegung, in der kämpferischen Jugendbewegung, in der Umweltbewegung mit und werden da unsere Kleinarbeit durchführen. Wir haben auch eine große internationalistische Aktivität. Wir sind aktiv beteiligt an der Gaza-Solidarität mit dem Krankenhausprojekt Al-Awda, das jetzt im Mittelpunkt steht. Wir haben dazu beigetragen, dass 600 000 Euro gesammelt wurden, um ein von der israelischen Aggression zerstörtes Krankenhaus auf säkularer Grundlage wieder aufzubauen. Wir haben gute Voraussetzungen, aber wir müssen uns im Klaren darüber sein, dass die Arbeit schwieriger wird, dass aber auch noch mehr bewusstseinsbildende Arbeit nötig ist. Dazu müssen wir uns noch mehr einfallen lassen. Wir müssen uns auch im Klaren darüber sein, dass der Übergang von einer vorrevolutionären Situation zu einer akut revolutionären Situation wesentlich davon abhängt, ob die Arbeiter aus ihrer strategischen Defensive herauskommen und in eine Arbeiteroffensive übergehen. Es ist sehr wichtig, dass man den eigentlichen Haupthebel in unserer Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit verstärkt. Man darf die Hauptkampflinie nicht etwa aufgeben, aufgrund des ganzen Trubel in der Gesellschaft. Wir müssen unsere Kräfte weiterhin darauf konzentrieren.

Aber wir müssen uns auch im Klaren drüber sein, dass wir in der Frauenbewegung ein bisschen Einfluss verloren haben, obwohl wir beigetragen haben, dass es überhaupt seit 30 Jahren wieder eine kämpferische Frauenbewegung gibt. Man erlebt jetzt gerade, wie sich diese kämpferische Frauenbewegung wieder formiert. Ein paar hunderttausend Frauen waren im März auf der Straße und interessanterweise diesmal mehr jüngere Frauen. Früher waren das eher ältere Semester, die schon Familie hatten. Jetzt sind es junge Frauen, die auch im Kampf gegen den verbreiteten Sexismus auf die Straße gehen und auch mehr Selbstbewusstsein zum Ausdruck bringen. Von den jüngeren Frauen sind viel mehr berufstätig. Sie haben wir ein bestimmtes Selbstbewusstsein, lassen sich nicht so gern gängeln oder wieder zurück an den Kochtopf drängen und wenden sich auch gegen diese ganze sexistische Art und Weise in den Medien und in der Gesellschaft. Die Medien, die so etwas betreiben, haben ja heute fast alle Freiheiten. Und dagegen gibt es eine große Bewegung, die wir unterstützen müssen. Die Frauenbewegung ist das Bindeglied zwischen der Arbeiterbewegung und der Volksbewegung. Darüber muss man sich im Klaren sein. Ohne eine kämpferische Frauenbewegung mit einer bestimmten Größe und Stärke wird sich das nicht vorwärts entwickeln!

Dann ist natürlich sehr wichtig, dass wir eine neue Qualität der Bündnisarbeit brauchen. Nicht nur mit politischen Organisationen, wie jetzt der Linkspartei oder anderen fortschrittlichen Kräften. Bei »Widersetzen« sind wir zum Beispiel aktiv dabei. Wir müssen uns auch mit den kleinbürgerlichen Zwischenschichten beschäftigen, mit den Bauern, die schon wieder wegen Kürzungen auf die Straße gehen. Unter den Milchbauern und Weinbauern haben wir doch sehr große Sympathien erworben. Aber das muss noch stärker werden.

Die Hauptschichten zwischen Arbeiterklasse und Kapitalisten sind ja die kleinbürgerlich-intellektuellen Zwischenschichten. Das sind ja Millionen Menschen, die als Lehrer, als Ingenieure, als Techniker, als Wissenschaftler usw. - also als abhängige Intelligenz tätig sind. Da müssen wir einfach mehr tun. Da ist noch eine große Schwäche unserer Partei zum Beispiel an den Universitäten – wir haben zwar einige Hochschulgruppen, aber das ist viel zu wenig. Wir haben ja heute in Deutschland 3,5 Millionen Studenten. Das sind heute mehr Studenten als Lehrlinge.

Die kleinbürgerlichen Zwischenschichten sind ja auch immer mehr betroffen und deren Arbeitsplätze werden auch abgebaut. Also wir müssen es verstehen, hier eine Bündnisarbeit zu machen, eine Bündnisvorbereitung, damit sie auch in einer zugespitzten gesellschaftlichen Entwicklung nicht die Kapitalisten unterstützen, sondern die Arbeiter, sich mit der Arbeiterbewegung, mit der Volksbewegung verbinden und für eine neue Gesellschaft kämpfen.

Und nicht zuletzt müssen wir natürlich auch die internationale Solidaritätsarbeit verstärken. Sie hat verschiedene Seiten. Einmal haben wir in der Welt sehr viele ähnliche Verhältnisse, wo wir von anderen lernen können, die vielleicht schon diese oder jene Erfahrung gemacht haben, uns auch austauschen über bestimmte Kampfformen, die sinnvoll oder nicht sinnvoll sind. Aber man braucht auch die Solidarität. Es gibt auch Länder, wo der Marxismus noch sehr schwach ist. In Afrika zum Beispiel ist der Marxismus noch ganz wenig bekannt. Da muss viel mehr gemacht werden, um den zu verbreiten. Aber man muss Solidaritätsarbeit leisten, damit sie überhaupt in der Lage sind, diese Organisation aufzubauen und auch in den Lernprozess der internationalen revolutionären und Arbeiterbewegung einbezogen zu werden. Da ist sehr wichtig, dass Organisationen wie die ICOR oder die United Front eine solche internationale Solidarität organisieren. Dadurch haben alle Länder einen Vorteil , die daran beteiligt sind. Was wir können, können andere noch nicht. Was die schon können, können wir noch nicht. Also hier muss noch mehr passieren. Auch dieser Austausch muss forciert werden.

Und am wichtigsten ist jetzt, dass es auch diese länderübergreifenden Kämpfe gibt. Der länderübergreifende Hafenarbeiterstreik, der Anfang des Jahres stattgefunden hat, ist sehr bedeutend. Das waren jetzt nicht Hunderttausende, aber die haben einen international koordinierten Streik gegen den Transport von Kriegswaffen mit Schiffen geführt. Das ist politisch, aber es ging auch gegen die Verschlechterung ihrer Löhne und ihrer sozialen Bedingungen. Diese Einheit von ökonomischem und politischem, länderübergreifendem Kampf der Hafenarbeiter ist richtig vorbildhaft.

So etwas muss man forcieren unter Bergarbeitern, unter den Automobilarbeitern, aber auch in der Frauenbewegung, in der Umweltbewegung, usw.. Es ist sehr wichtig, dass wir diese länderübergreifende Arbeit verstärken und das nicht reduzieren auf eine Teilnahme an internationalen Konferenzen. Das reicht nicht aus.

Die breite Masse der Bevölkerung muss dazu auch Zugang finden. Das reicht ja nicht, wenn wir das wissen, sondern die müssen sich selbst animiert fühlen. Wenn jetzt in Bolivien die Bergleute in der Hauptstadt La Paz einmarschieren und die Regierung belagern, dann ist das in gewissem Sinne auch unser Kampf, weil diese Regierung ein Programm durchsetzen will, das ähnlich zu dem ist, was Merz hier vorhat: Die sozialen Errungenschaften abbauen und die Lebenslage verschlechtern - und dann marschieren die Arbeiter in La Paz ein! Da können wir uns einmal ansehen, wie das funktioniert. Also insofern ist das sehr wichtig.

Am allerwichtigsten ist natürlich, dass Sozialismus wieder ein neues Ansehen bekommt und dass wir in der Überzeugungsarbeit den echten Sozialismus als wirkliche Alternative zu diesem imperialistischen Weltsystem, das die ganze Menschheit bedroht, mehr propagieren und anschaulicher machen.

Celina Jacobs (Rote-Fahne-TV): Zu dieser internationalen Frage, die du angesprochen hast, hatten wir ja vor ein paar Tagen diese wirklich sehr interessante Veranstaltung mit Revolutionären aus vier Kontinenten. Und es war so interessant zu sehen, sie kommen von sehr, sehr weit weg, aus ganz anderen Ecken der Welt, aber sie berichten doch sehr ähnliche Erscheinungen in den Fragen, die die Massen dort umtreiben, in den Protesten. Und dass sich überall, auch besonders unter der Jugend, die Bewegung belebt hat. Wir haben ja jetzt auch in Deutschland häufig die Parole gehört: »Jugend, Zukunft, Sozialismus!«. Welche besondere Rolle spielt die Jugend jetzt in dieser Situation?

Stefan Engel: Ja, das ist auch ein Element, dass die Jugendarbeit einen anderen Stellenwert bekommt. Die Jugend ist ja in einer solchen Bewegung für den Sozialismus, für eine Gesellschaftsveränderung, immer die praktische Avantgarde für einen solchen Kampf. Die ist am meisten aufgeschlossen für Neues, für neue Perspektiven. Natürlich ist sie auch am meisten unerfahren. Sie muss erst einmal lernen, verschiedene gesellschaftliche Verhältnisse richtig zu deuten. Ein Teil der Jugend ist auch empfänglich für faschistisches Gedankengut. Wir müssen viel mehr in diese Jugendarbeit investieren. Die Partei hat einen sehr weitreichenden Beschluss gefasst, dass jede Gruppe mindestens 30 Prozent ihrer Kräfte auf die Jugendarbeit konzentriert. Auf die Arbeit zum Aufbau der Kinderorganisation ROTFÜCHSE, den Jugendverband REBELL, auch in Betrieben sich darum kümmert, wie diese Jugendlichen Gewerkschaftsmitglied werden, wie sie einbezogen werden, wie sie lernen, Teil der Arbeiterklasse zu werden. Diese Fürsorge für die Jugend ist auch ein besonderes Merkmal des Kampfs für den Sozialismus. Wir machen das ja nicht für uns Alten, sondern wir machen das für die Zukunft, für die jungen Leute, für die nächsten Generationen, die auch eine Lebensperspektive brauchen.

Ich wollte in dem Zusammenhang auch einmal auf den Sozialismus eingehen. Die jüngeren Leute haben oft gar keine richtigen Vorstellungen mehr vom Sozialismus. Wenn man mit Jugendlichen spricht, wissen die oft überhaupt nicht so richtig, was sie damit anfangen sollen.

Celina Jacobs (Rote-Fahne-TV): Sie interessieren sich schon, aber es fehlt oft noch die Erfahrung.

Stefan Engel: Ja, die haben dann irgendetwas im Kopf, aber auch ein wenig Kraut und Rüben. Deswegen ist es so wichtig, dass wir über den Sozialismus populär sprechen und auch über unsere Kritik an Fehlern, die in den sozialistischen Ländern gemacht wurden. Aber auch über den Kampf gegen die revisionistische Entartung dieser Länder. Es gibt ja heute kein sozialistisches Land mehr auf der Welt. Warum ist das so? Wieso konnten sozialistische Länder wieder in kapitalistische umgewandelt werden?

Das ist eine ganz wichtige Frage. Welche Schlüsse ziehen wir daraus? Und hier hat die MLPD eine sehr umfassende und weltweit beachtete Analyse, also auf einem theoretischen Gebiet ausgearbeitet.

Es wird jetzt ein neues Buch erscheinen, als Nummer 40 der Reihe unseres theoretischen Organs REVOLUTIONÄRER WEG, das heißt »Die Lehre von der Denkweise«. Dort haben wir uns zum Beispiel sehr mit dem Klassenkampf im Sozialismus in der Sowjetunion beschäftigt und auch mit den Fehlern, die da zum Teil gemacht wurden. Einerseits war die Sowjetunion ein Bollwerk der internationalen revolutionären Arbeiterbewegung. Als einziges sozialistisches Land hat es in der ganzen Welt ausgestrahlt, die Arbeiterbewegung beflügelt, kommunistische Parteien sind entstanden und stark geworden. Auf der anderen Seite wurden aber innerhalb des Landes auch Fehler gemacht.

Und es kam dann auch doch zu sehr verwerflichen Dingen in diesen 1930er-Jahren in der Behandlung der Widersprüche in der Bevölkerung. Natürlich gab es auch Feinde des Sozialismus, gegen die man vorgehen muss, aber in dieser Art und Weise, wie da vorgegangen wurde, hat man unschuldige Leute mit getroffen. Es wurde auch sehr rigoros vorgegangen. Es kam auch zu Verbrechen, zu Verwerfungen, die man nicht akzeptieren kann. Und das haben wir eigentlich jetzt sehr gut aufgearbeitet. Wir haben in dem neuen Buch ein sehr ausführliches Kapitel über diese falsche Behandlung der Widersprüche.

Das ist auch eine Sache, die wir an Stalin kritisieren. Stalin ist sicherlich ein großer Revolutionär, den man auch verteidigen muss gegen antikommunistische Angriffe. Aber hier hat er sehr schwere Fehler gemacht. Und da ist auch seine kleinbürgerliche Denkweise vorgedrungen. Also der Mann ist nicht frei von Fehlern gewesen. Das wird von uns ganz offen gesagt und das muss auch diskutiert werden, um daraus Schlussfolgerungen zu ziehen.

Wir haben auch die DDR nochmal analysiert, insbesondere was da rund um diesen 17. Juni 1953 passiert ist, als die Massen auf die Straße gingen und die Regierung kritisierten. Da ist interessant, dass es am Anfang eine selbstkritische Beurteilung gab in der Regierung, im Zentralkomitee der SED. Dann wurden plötzlich die Kritiker hinausgesäubert. Und dann haben sie das plötzlich nur noch als einen faschistisch beeinflussten Aufstand beurteilt und gerechtfertigt, dass das dann mit Panzern »bereinigt« wurde und so weiter. Das war also eine Sache, die man sehr differenziert sehen muss. Aber wir müssen solche Kritiken offen aussprechen, sonst wären wir unglaubwürdig. Natürlich wird ja auch viel antikommunistische Legendenbildung betrieben, damit man nicht richtig durchblickt.

Der Sozialismus als angebliches Unrechtssystem mit vielen Millionen Toten ist natürlich ein Unsinn. Aber es ist trotzdem so, dass die Leute dadurch verunsichert sind. Und da müssen wir eine ganz schöpferische Überzeugungsarbeit leisten über den Sozialismus auf der Grundlage der proletarischen Denkweise.

Das heißt, was können wir für Schlussfolgerungen ziehen? Aus den Errungenschaften, aber auch aus Fehlern der ehemals sozialistischen Länder. Wenn wir das nicht machen, wenn wir das nicht kritisch und selbstkritisch beurteilen, glaubt uns das kein Mensch.

Allein die Kritik am Kapitalismus reicht noch nicht, um ein neues System aufzubauen. Es ist ganz wichtig, Schlüsse zu ziehen. Und wir müssen natürlich auch heute schon in unserer Parteiarbeit und in der Arbeit im Jugendverband darauf achten, dass wir bestimmte Dinge heute schon lernen.

Wie zum Beispiel die richtige Behandlung von Widersprüchen. Die Gesellschaft ist voller Widersprüche. In der Partei gibt es ja immer wieder unterschiedliche Auffassungen. Wie behandelt man das? Das ist doch eine ganz wichtige Lehre. Und da sind wir auch sehr viel weiter gekommen.

Das gehört auch zur Sozialismus-Propaganda, dass man in der Praxis zeigt, dass man das anders machen kann. Und dass die Leute überzeugend sind und nicht so rein administrativ in der Gegend herumfuhrwerken oder Phrasen dreschen usw.. Überzeugungsarbeit, das ist unser Trumpf. Und dazu müssen wir uns natürlich selbst befähigen. Jetzt kommt dieses neue Buch »Die Lehre von der Denkweise« heraus.

Celina Jacobs (Rote-Fahne-TV): Du hast gesagt, das Buch heißt »Die Lehre von der Denkweise« in dem ihr euch auch damit ausführlich befasst, was eigentlich damals in der Sowjetunion und in der DDR genau los war. Aber kannst du vielleicht noch einmal erklären, was diese Lehre von der Denkweise genau ist? Und was hat die jetzt mit dem sozialistischen Aufbau von damals zu tun?

Stefan Engel: Ja, wir haben das als »Lehre von der Denkweise« bezeichnet. Wir gehen davon aus, dass Bewusstsein im weltanschaulichen Kampf zwischen der bürgerlichen Ideologie und der proletarischen Ideologie entsteht. Und das drückt sich im Denken, Fühlen und Handeln als Denkweise aus.

Also gibt es eine bürgerliche oder kleinbürgerliche Denkweise und eine proletarische. Und dieser Kampf zwischen diesen beiden Denkweisen tobt in jedem Kopf im Kapitalismus, unabhängig ob er das will oder nicht. Aber man kann auf diesen Kampf um die Denkweise Einfluss nehmen, wenn man die Gesetzmäßigkeiten erkennt, die da wirken.

Und es ist sehr wichtig, dass wir diese proletarische Denkweise fördern, dass wir eine Überlegenheit im Kampf gegen die kleinbürgerliche Denkweise herstellen und dadurch auch die Bewusstseinsbildung fördern. Also es ist die theoretische Grundlage der bewusstseinsbildenden Arbeit, die wir unter den Massen machen müssen. Und im Sozialismus gab es auch diesen Kampf zwischen proletarischer und bürgerlicher bzw. kleinbürgerlicher Denkweise.

Aber dieser Kampf um die Denkweise wurde, das haben wir ja an Stalin kritisiert, nicht richtig erkannt. Im Gegenteil, er hatte die Erkenntnisse, die vorher schon Lenin hatte, über diese Frage eigentlich beiseite geschoben. Wenn da jemand Mist gebaut hat, dann konnte er sich das nur erklären, dass der schon immer Mist baute. Aber die Lehre von der Denkweise sagt, dass die Denkweise veränderlich ist.

Also: Aus einem bürgerlichen Mensch kann ein Revolutionär werden und umgekehrt, einer der Revolutionär ist, der kann zum Kleinbürger, zum Liquidator werden, der sich dann wieder der Bourgeoisie zuwendet. Diese Veränderlichkeit der Denkweise ist ja auch der Punkt, warum man Leute überhaupt überzeugen kann. Man merkt ja schon, dass die Leute heute anders herangehen.

Wie ich 1977 hier nach Gelsenkirchen gezogen bin, da gab es Stadtteile, wo die SPD 90 Prozent bei den Wahlen hatte.

Celina Jacobs (Rote-Fahne-TV): Heute unvorstellbar.

Stefan Engel: Heute unvorstellbar. Die SPD bekommt hier noch nicht einmal mehr 25 Prozent bei den Wahlen. Dafür hat die AfD bei den letzten Bundestagswahlen sogar die SPD überholt. Man sieht eine Veränderung der Denkweise.

Und das liegt auch den ganzen Veränderungen der Massen, in den Kämpfen, Demonstrationen, der Politisierung der Massen zugrunde, dass die Denkweise sich verändert. Davon gehen wir aus, das ist unsere Leitlinie in der Parteiarbeit, aber auch in der Überzeugungsarbeit unter den Massen, dass wir von dieser Veränderlichkeit der Denkweise ausgehen und den Leuten helfen, mit bestimmten kleinbürgerlichen, bürgerlichen Einflüssen fertigzuwerden und zu einem sozialistischen Bewusstsein zu kommen. Erst zum Klassenbewusstsein und dann in der höchsten Form zum sozialistischen Bewusstsein.

Dazu haben wir jetzt diese Nummer 40 des theoretischen Organs REVOLUTIONÄRER WEG fertiggestellt. Die wird demnächst erscheinen. Und die Partei hat beschlossen, dass das in einer großen Kritik-Selbstkritik-Kampagne über zwei Jahre angeeignet wird und wir auf diese Art und Weise unsere Arbeit verbessern, um in diesem Prozess der revolutionären Gärung auch unsere Arbeit vernünftig zu machen. Um die neuen Anforderungen zu begreifen und die Veränderungen und Anforderungen an unserer Arbeit zu bewältigen. Ohne Theorie keine vernünftige Praxis, keine revolutionäre Praxis.

Deswegen legen wir sehr viel Wert auf der Einheit von theoretischer Weiterbildung und praktischer Verwirklichung unserer Ideen, dass das im richtigen Verhältnis ist. Wir haben eine zweijährige Kritik-Selbstkritik-Kampagne nicht , weil wir sehr viel Fehler gemacht haben, sondern weil man die neue Situation begreifen muss und neue Methoden entwickeln muss, neue Argumente, neue Verhaltensweisen, neue Aufgaben.

Das alles hat eine ungeheure Dimension und ohne theoretische Grundlage würde das zum Chaos führen.

Celina Jacobs (Rote-Fahne-TV): Ja, die ist sehr wichtig. Dann kommen wir langsam auch zum Ende des Gesprächs heute. Ich muss sagen, es war wirklich besonders interessant und war jetzt aber auch schon lange her, dass wir wieder gemeinsam saßen.

Deswegen finde ich, konnte man sich jetzt auch die Zeit nehmen. Und wir hoffen natürlich auch wie immer, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer etwas davon mitnehmen konnten, das vielleicht interessant war, zum Nachdenken angeregt hat.

Schreibt uns auch gerne in die Kommentare eure Meinung und Fragen dazu und schaut vor allem gerne auch noch mal in die Playlist mit allen Hintergrundgesprächen. Zum Beispiel hatten wir zum modernen Faschismus, den wir heute auch angesprochen haben, schon einmal eine Episode aufgenommen. Oder auch zum echten Sozialismus oder der Kampagne »Make socialism great again«. Das lohnt sich bestimmt. Und ansonsten bis zum nächsten Mal.

Stefan Engel: Vielen Dank.

Download des Hintergrundgespräches als Text

Abspann:

Stefan Engel hat gerade das bald erscheinende neue Buch über die Lehre von der Denkweise vorgestellt. Darin geht es um die Wissenschaft der Bewusstseinsbildung in den heutigen komplizierten Zeiten. Ihr kennt das alle, es passiert so viel Neues und es gibt so viele Möglichkeiten der herrschenden Klasse, wie sie mit ihrer Ideologie manipulieren, wie man das verarbeitet, wie man die Wirklichkeit versteht.

Wenn du die Welt wirklich besser verstehen willst vom Standpunkt der Arbeiterklasse, der Unterdrückten, dann lege dir die ganze Buchreihe zu. »Die Krise der bürgerlichen Ideologie und die Lehre von der Denkweise«. Denn das aktuelle Buch ist der fünfte Teil einer ganzen Reihe.

In den anderen Büchern geht es um die Krise des Antikommunismus, des Opportunismus, der bürgerlichen Naturwissenschaft, der Religion, der Gesellschaftswissenschaften oder der bürgerlichen Kultur. Auf unserem YouTube-Kanal hat Stefan Engel auch all diese Bücher in ausführlichen Gesprächen vorgestellt. Das könnt ihr euch noch genauer anschauen.

Infos, wo ihr die Bücher kaufen könnt, findet ihr hier.