RW 36

RW 36

Rezension von Marco Tamayo zum Buch "Die Krise der bürgerlichen Ideologie und des Antikommunismus"

Von Marco Tamayo

Wer sich mit dem Elend der bürgerlichen bzw. kleinbürgerlichen Denkweise auseinandersetzt, kommt nicht darum herum sich mit Alternativen zu beschäftigen. Zur Vertiefung und zum Verständnis dazu liefert der Reader von Stefan Engel eine gutes Handwerkszeug. Wer sich mit den gegenwärtigen Fragen von Politik und Gesellschaft beschäftigt, kommt um die kritische Lektüre dieses Buches nicht herum.

Bei dem Buch handelt sich um den ersten Teil einer Reihe von Schriften unter dem Obertitel „Die Krise der bürgerlichen Ideologie und die Lehre von der Denkweise“. Die Schrift wird unter dem Titel „Die Krise der bürgerlichen Ideologie und des Antikommunismus“ geführt. Sie wurde erstmals im April 2021 veröffentlicht. Herausgeber ist das Redaktionskollektiv Revolutionärer Weg unter Leitung von Stefan Engel. Er war von 1982 bis 2017 Parteivorsitzender der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD).

Der Revolutionäre Weg selbst ist das theoretische Organ der MLPD und erscheint seit 1969. Er selbst bezeichnet sich als ein Kampfinstrument der revolutionären und Arbeiterbewegung gegen den Revisionismus, den Reformismus und besonders den modernen Antikommunismus.

Das Taschenbuch hat einen Umfang von 220 Seiten.

Es ist kein Erstlingswerk des Herausgebers. Bekannt sind u.a. Götterdämmerung über der »neuen Weltordnung«, erschienen 2003, Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution, erschienen 2011, Katastrophenalarm! Was tun gegen die mutwillige Zerstörung der Einheit von Mensch und Natur? erschienen 2014.

224 Seiten zeugen von Ernsthaftigkeit, dem Buch einen wissenschaftlichen Charakter im Sinne der marxistisch-leninistischen Weltanschauung zu geben. Die Sprache und sein Stil sind einfach und verständlich. Der Text ermüdet nicht wie so manches verquaste Buch diverser „linker“ Organisationen. Engel knüpft hier erfolgreich an den Gründer des Revolutionären Weges Willi Dickhut an.

Im Rahmen der Rezension muss im ich mich mit der Gestaltung des Buches befassen. Das Cover ist nicht besonders gelungen. Es ist eine „Krise“. Es Lädt nicht dazu ein, einen Blick ins Buch zu werfen und ist „langweilig“. Ein weitere Auflage sollte dem Grafiker zur Aufgabe machen, das besser zu machen.

Dagegen ist das Layout des Textes absolut gelungen: übersichtlich und leserlich. Die Darstellung der Zitate hebt sich wohltuend vom Text ab und hilft dem Leser bei der Wanderung durch die anspruchsvollen Passagen. Ein Lob für die Hervorhebung von Begriffen, die eine Orientierung auf der Landkarte des Textes geben. So kann der Leser beim Zurückblättern einen Gedanken bzw. einen Schlüsselbegriff finden. Für einen vollständigen Blickwinkel wäre ein Stichwortverzeichnis eine wertvolle Hilfe. Ein Glossar würde bei der Lektüre hilfreich sein. Da das Buch sicherlich auch zu Schulungszwecken benutzt wird, sollte eine erneute Auflage mit Marginalien versehen sein.

Einleitend befasst sich Engel mit dem aktuellen Hintergrund seines Buches: „Die Neuorganisation der internationalen Produktion seit den 1990er-Jahren hat eine neue historische Umbruchphase vom Kapitalismus zum Sozialismus eingeleitet. 2008 bis 2014 tobte die bis dahin tiefste und umfassendste Weltwirtschafts- und Finanzkrise in der Geschichte des Kapitalismus. Sie stürzte das ganze imperialistische Weltsystem samt internationalisierter Produktion und weltumspannendem Handel in eine tiefe und umfassende Krise. Das löste gewaltige Veränderungen im Überbau des imperialistischen Weltsystems aus, sowohl in der Politik als auch in der Ideologie.

Er spricht von einer allgemeinen Rechtsentwicklung in vielen Ländern des Globus. Sie wurde verstärkt durch die internationale Krise der Flüchtlingspolitik der imperialistischen Länder, die sich 2015 rasant verschärfte und die EU in eine offene Krise stürzte. Länderübergreifende oder globale Organisationen wie die Europäische Union (EU), die Vereinten Nationen (UNO), der militärische Nordatlantikpakt (NATO), der Internationale Währungsfonds (IWF) oder auch die Welthandelsorganisation (WTO) gerieten in offene Krisen. Die Infragestellung oder Auflösung weltweiter Regeln und UNO-Beschlüsse ausgehend von den USA stürzte imperialistische und neuimperialistische Länder in wirtschaftliche und politische Krisen. So der offene Handelskrieg der USA mit China, die Aufkündigung des Atomwaffenabkommens mit dem Iran, der Austritt aus der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und dem Pariser Klimaabkommen oder die Aufhebung der UNO-Beschlüsse zum Schutz der Palästinenser.

Dazu kommt die Klimakrise. Er sieht allgemein die Gefahr eines 3. Weltkrieges.

Darüber hinaus spricht er bzgl. China von einem neoimperialistischen Land. Der Leser stellt sich vielleicht die Frage, was ist am chinesischen Imperialismus „neu“. Die Charakteristik des von Lenin entworfenen Konzeptes bezüglich des Imperialismus treffen auf China vollkommen zu. Dazu haben sich Engel und die MLPD seit 2014 geäußert (https://www.mlpd.de/2014/kw51/wir-muessen-dringend-unsere-kraefte-staerken). Interessanterweise loben die modernen Revisionisten das heutige China und verklären es zu einem sozialistischen Staat. Ihre kleinbürgerlich Denkweise kritisierte das China Mao Tse-tungs und verteidigt heute die chinesischen Imperialisten. Speerspitze dieser Anhänger der heutigen KP Chinas ist die kommunistische Arbeiterzeitung KAZ. In ihrer Juli Ausgabe 2021 erschien ein Artikel unter dem Titel zum einhundertsten Jahrestag Glückwunsch und Dank 100 Jahre KP China – 100 Jahre Chinas Kampf um den Sozialismus. Es ist ein Verdienst der MLPD über den wahren Charakter Chinas aufzuklären.

Im Buch selbst legt Engel zunächst den Unterschied zwischen bürgerlicher und proletarischer Ideologie. Er widerlegt den Mythos der Ideologiefreiheit, „der zentralen Lüge des neudeutschen Imperialismus in Wissenschaft, Politik, Kultur, Bildung und Erziehung“.

Zentrale Aussage dieses Teils ist: Die Theorie der »Ideologiefreiheit« ist Ausdruck der Defensive der bürgerlichen Ideologie gegenüber dem wissenschaftlichen Sozialismus.

Dazu gibt es seitens des Rezensenten keinen Widerspruch. Dieser Teil des Buches ist lesenswert und so geschrieben, dass man kein zehnsemestriges Studium benötigt, um Klarheit in die Materie zu bekommen.

Im weiteren Verlauf erfährt der Leser eine anschauliche Entwicklung des Antikommunismus seit dem Ende des zweiten Weltkrieges bis zum reaktionär-faschistischen Antikommunismus eines Donald Trump.

Ich möchte insbesondere die Kapitel über die antikommunistische Mär vom linken Antisemitismus und der antikommunistischen Ausrichtung der sozialen Bewegungen hervorheben. Sie sind absolut lesenswert und klären über deren Ideologie auf.

Insgesamt hat Stefan Engel hier ein „rundes“ Werk vorgelegt, dem man eine hohe Auflage und eine breite Leserschaft wünscht. Ich bin gespannt auf die kommenden Teil.