Stefan Engel und Klaus Arnecke
Bedeutende internationale Veränderungen im Klassenkampf brauchen die richtigen Antworten!
Antwort auf Diethard Möllers 2. Attacke gegen Stefan Engels Buch »Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution«
Stefan Engel
01. Oktober 2026
Antwort auf D. Möllers 2. Attacke gegen Stefan Engels Buch »Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution«
Warum gebe ich nach sechs Jahren eine Antwort auf Diethard Möllers zweiten vergeblichen Versuch, die internationale marxistisch-leninistische, revolutionäre und Arbeiterbewegung vor den vermeintlich irreführenden theoretischen Beiträgen der MLPD zu warnen? Weil wir es gegenwärtig mit bedeutenden internationalen Veränderungen im Klassenkampf zu tun haben, welche unsere Vision einer internationalen sozialistischen Revolution bestärken und ein neues Licht auf die seit zehn Jahren wiederholtenen Angriffe Diethard Möllers auf ebendiese Perspektive werfen.
Zur Erinnerung:
Ende 2016 hatte D. Möller eine 30-seitige Attacke gegen das Buch »Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution« veröffentlicht. Darin behauptete er,
- die ideologisch-politische Substanz des Buchs bestehe lediglich in einer eins zu eins Übernahme der konterrevolutionären Positionen Kautskys und Trotzkis;
- im imperialistischen Weltsystem habe sich seit Lenins Analyse nichts Wesentliches verändert und im ganzen Buch sei nichts Neues gegenüber dem zu finden, was schon ausgehend vom kommunistischen Manifest bekannt gewesen sei. Die von Stefan Engel behauptete qualitative Veränderung in der kapitalistischen Produktionsweise sei eine Erfindung;
- der Autor Stefan Engel wolle mit nichtssagenden Analysen und »seiner internationalen verbalen Rundtour (…) Eindruck schinden.«, um als »Lehrmeister« aufzutreten. Was er vorbringe, sei aber »kein Marxismus, sondern eine extreme Verflachung und ein Zeichen für geistigen Bankrott«.
In meiner Erwiderung auf Diethard Möllers Pamphlet, zu der ich mich im Juli 2019 angesichts der internationalen Verbreitung seiner liquidatorischen Attacken genötigt sah, habe ich in neun Punkten grundsätzlich und konkret nachgewiesen, dass D. Möller seinem vernichtenden Urteil in keiner Hinsicht gerecht werden kann.
So schrieb ich bei Punkt 8 u.a.:
»Am absurdesten ist der Vorwurf des Trotzkismus an die MLPD. Wie viele Dogmatiker vermutet, gleich der Reaktion eines Pawlowschen Hundes, auch Diethard Möller hinter dem Begriff der internationalen Revolution sofort den Trotzkismus. Die Strategie der internationalen Revolution oder auch der Weltrevolution ist grundlegender Bestandteil des Marxismus von seinen Anfängen an. Die »Morgenröte …« weist nach, dass sich der konkrete Gehalt dieser internationalen Revolution allerdings mit der gesellschaftlichen Vorwärtsentwicklung jeweils geändert hat und auch die unterschiedlichen Klassiker jeweils eine andere konkrete Strategie und Taktik zur Verwirklichung der internationalen Revolution durchführten…
Es ist eine schräge Scharlatanerie, dass Möller unsere umfassende Polemik gegen die Trotzkisten ignoriert, um uns mit einem begrifflichen Trick mit den Trotzkisten gleichzusetzen. Diese feindselige Methode ist nicht geeignet, eine sachliche Auseinandersetzung über die heutigen Fragen der Zeit zu führen, sondern eine liquidatorische Attacke auf den marxistisch-leninistischen Charakter der MLPD. Damit disqualifiziert sich Möller als potenzieller Verbündeter der internationalen marxistisch-leninistischen und Arbeiterbewegung…
Mit der Neuorganisation der internationalen Produktion als einer neuen Phase des Imperialismus seit Anfang der 1990er Jahre verändert sich der konkrete Gehalt der Strategie der internationalen Revolution erneut. Sie muss sich auf der Basis der Neuorganisation der internationalen Produktion und des internationalen Klassenkampf allseitig auf das imperialistische Weltsystem beziehen. Sie umfasst den proletarischen Klassenkampf und den antiimperialistischen Befreiungskampf in mehr oder weniger allen Ländern der Welt. Die internationale Revolution wird sich als wechselseitiger Prozess zeitlich versetzter und in ihrem Charakter unterschiedlicher Revolutionen in den einzelnen Ländern entfalten, die sich gegenseitig revolutionieren, miteinander kooperieren bzw. miteinander koordiniert werden müssen.
Daraus ergibt sich für die Marxisten-Leninisten auf der ganzen Welt die neue Anforderung, dass sie für die Vorbereitung der internationalen sozialistischen Revolution eine gemeinsame Verantwortung haben. Die Dialektik der Strategie und Taktik der internationalen sozialistischen Revolution verlangt die Einheit von nationaler Form und internationalistischem Inhalt, von nationalen und internationalen Organisationsformen, von nationaler Eigenständigkeit und internationaler Koordinierung und Revolutionierung der Klassenkämpfe usw.«
Bemerkenswert ist, dass D. Möller in seiner neuerlichen Attacke gegen die MLPD auf diesen Punkt der Auseinandersetzung mit keiner Zeile eingeht, obwohl der Vorschlag der MLPD für eine Strategie und Taktik der internationalen Revolution der Stein des Anstoßes war, dessentwegen sich Diethard Möller genötigt sah, sein Pamphlet gegen das Buch »Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution« zu verfassen und zu verbreiten.
D. Möller verharrt unverändert in seiner metaphysischen Auffassung, wonach die Perspektive einer internationalen sozialistischen Revolution ein Traum von »abstrakten Wünschen und Hoffnungen« sei: Eine unwissenschaftliche Vorstellung also, die jeder materiellen Grundlage entbehrt? Die vor unseren Augen stattfindende Internationalisierung des proletarischen Klassenkampfs beweist aber das gerade Gegenteil!
Anfang Juli 2026 habe ich in einem Hintergrundgespräch mit der Redaktion unseres Zentralorgans ROTE FAHNE dazu ausgeführt:
»Wir haben die Situation, dass wir 2025 weltweit über 306 Millionen Menschen in Arbeiter- und Volkskämpfen, davon 265 Millionen in Arbeiterkämpfen und Streiks erlebt haben. 2026 waren es allein vom Januar bis April sogar mindestens 361 Millionen und davon 346 Millionen in Arbeiterkämpfen und Streiks. Eine solche Aufwallung, eine solche Bewegung hat es in der Geschichte noch nicht gegeben…
Und am wichtigsten ist jetzt, dass es auch diese länderübergreifenden Kämpfe gibt. Der länderübergreifende Hafenarbeiterstreik, der Anfang des Jahres stattgefunden hat, ist sehr bedeutend. Das waren jetzt nicht Hunderttausende, aber die haben einen international koordinierten Streik gegen den Transport von Kriegswaffen mit Schiffen geführt. Das ist politisch, aber es ging auch gegen die Verschlechterung ihrer Löhne und ihrer sozialen Bedingungen. Diese Einheit von ökonomischem und politischem, länderübergreifendem Kampf der Hafenarbeiter ist richtig vorbildhaft.
So etwas muss man forcieren unter Bergarbeitern, unter den Automobilarbeitern, aber auch in der Frauenbewegung, in der Umweltbewegung, usw.. Es ist sehr wichtig, dass wir diese länderübergreifende Arbeit verstärken und das nicht reduzieren auf eine Teilnahme an internationalen Konferenzen. Das reicht nicht aus…
Wenn jetzt in Bolivien die Bergleute in der Hauptstadt La Paz einmarschieren und die Regierung belagern, dann ist das in gewissem Sinne auch unser Kampf, weil diese Regierung ein Programm durchsetzen will, das ähnlich zu dem ist, was Merz hier vorhat: Die sozialen Errungenschaften abbauen und die Lebenslage verschlechtern…«
Ich habe in dem Gespräch dargelegt, dass wir es mit einer internationalen, länderübergreifenden vorrevolutionären Gärung zu tun haben. Das ist eine Situation, in der sich die relative Ruhe, wie wir sie seit Jahrzehnten erlebt haben, aufgelöst hat. Sie stellt aber noch keine revolutionäre Situation dar, sondern eine Art Zwischenstufe, in der die Widersprüche einer Lösung zutreiben – entweder vorwärts zum Sozialismus oder Untergang in die kapitalistische Barbarei.
Es ist das Schicksal von Dogmatikern wie D. Möller, wenn sie wesentliche Veränderungen des imperialistischen Weltsystems per Definition ausschließen, gerade dadurch außerstande sind, solche Veränderungen, wenn sie in der Wirklichkeit tatsächlich von statten gehen, zu erkennen. Der Dogmatismus ist eine Erscheinung des bürgerlichen Idealismus, wonach die Wirklichkeit ein Produkt des Bewusstseins, des Denkens ist. Die Angewohnheit, subjektivistische Sichtweisen auf die Wirklichkeit zu übertragen geht bei D. Möller Hand in Hand mit einer metaphysischen Denkweise. Danach sind – um mit Friedrich Engels zu sprechen – »… Die Dinge und ihre Gedanken-Abbilder, die Begriffe, vereinzelte, eins nach dem anderen und ohne das andere zu betrachtende, feste, starre, ein für alle Mal gegebene Gegenstände der Untersuchung«1. In diesem Sinne hält uns D. Möller die von Lenin verallgemeinerte, fünf Punkte umfassende Definition des Imperialismus vor Augen und belehrt uns, dass diese keiner Weiterentwicklung bedürfe, weil sich seit Lenin im imperialistischen Weltsystem nichts Wesentliches verändert habe.
Nach der Devise, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, hatte D. Möller bei seinen Attacken auf das Buch »Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution« zunächst dessen Zusammenhang mit den Analysen wesentlicher Veränderungen des imperialistischen Weltsystems in der 2003 erschienenen Schrift »Götterdämmerung über der neuen Weltordnung« vollständig ignoriert.
Nachdem ich diese Tatsache in meiner Polemik gegen ihn als »eine eklektizistische Gaunerei« bezeichnet hatte, sah er sich schließlich genötigt, das Buch in die Hand zu nehmen. Er tat es offensichtlich nicht, um kritisch und selbstkritisch den sachlichen Gehalt des Buchs zu erschließen, sondern um es auf der Suche nach angreifbaren Passagen bzw. Aussagen durchzublättern. Schnell hat er vermeintliche Angriffspunkte identifiziert, was ihn nunmehr dazu bewegte, sich einem Verriss des Buchs »Götterdämmerung über den neuen Weltordnung« zuzuwenden. So kam ihm die Idee für einen passenden Titel seines Pamphlets: »Götterdämmerung über Stefan Engel …« und das entsprechende vernichtende Urteil:
Eine »ökonomische Grundlage der in der ‚Morgenröte…‘ entwickelten proletarischen Strategie und Taktik« sei darin nirgends zu erkennen. »liest man das Buch, ich habe es getan, so hat man eine Statistik-Fleißarbeit in der Hand, findet aber darin auch keine ‚Beweise‘«. Darin »übernimmt er (Stefan Engel) einfach bürgerliche Statistiken«, ohne »zum Wesen vorzudringen«.
Ausgehend von seinem dogmatischen Lenin-Verständnis glaubt D. Möller zu wissen, wie man es richtig macht, um zum Wesen der Sache vorzudringen: Dass es dazu keiner profanen Fleißarbeit bedarf, sondern einer genialen bewussten Beschränkung »auf einige wichtige Kennziffern«:
»Lenin stützt sich auf bürgerliche Statistiken. Was anderes hatte er ja nicht zur Verfügung. Aber er verweist nicht, wie Stefan Engel es macht, stolz auf „68 Tabellen und 31 Grafiken“, sondern beschränkt sich auf einige wichtige Kennziffern wie den damals aktuellen Stand der Monopolisierung und den Kapitalexport. Daraus erschließt er das Wesen der Epoche des Imperialismus und fasst dieses Wesen in seinen berühmten Thesen zusammen.« (Hervorhebung durch S. E.)
Was Möller hier fabuliert, ist purer Eklektizismus und geradezu eine Karikatur auf das wissenschaftliche, dialektisch-materialistische Herangehen Lenins, das er in seiner Imperialismus-Analyse verwirklicht hat. Offensichtlich hat Möller beim Durchblättern der Schriften Lenins den Bd. 39 der gesammelten Werke übersehen, der auf über 900 Seiten ausschließlich den umfangreichen Voruntersuchungen, zusammengefasst in den »Heften zum Imperialismus«, gewidmet ist. Die Herausgeber zu diesem Lenin-Band weisen in ihrem Vorwort darauf hin, dass Lenin alles verfügbare Material heranzog und keineswegs nur bürgerliche Statistiken: »Bei seiner Untersuchung des Kapitalismus in der neuen historischen Epoche studierte und verallgemeinerte Lenin eine Fülle von Material zu den verschiedensten Fragen der Ökonomik und Politik des Imperialismus, verarbeitete er kritisch Angaben aus hunderten in verschiedenen Ländern und Sprachen veröffentlichten Büchern, Dissertationen, Broschüren, Zeitschriften- und Zeitungsartikeln sowie statistischen Sammelwerken.«2
Die dialektische und historisch-materialistische Methode, auf die sich Lenin hierbei verpflichtete, beschreibt er selbst in seiner Schrift »Statistik und Soziologie« wie folgt:
»Man muß versuchen, aus exakten und unbestreitbaren Tatsachen ein Fundament zu errichten, auf das man sich stützen kann und mit dem man jede der „allgemeinen" oder „auf Beispielen fußenden" Betrachtungen konfrontieren kann, mit denen heutzutage in einigen Ländern so maßlos Mißbrauch getrieben wird. Damit es wirklich ein Fundament wird, kommt es darauf an, nicht einzelne Tatsachen herauszugreifen, sondern den Gesamtkomplex der auf die betreffende Frage bezüglichen Tatsachen zu betrachten, ohne eine einzige Ausnahme, denn sonst taucht unvermeidlich der Verdacht, und zwar der völlig berechtigte Verdacht auf, daß die Tatsachen willkürlich ausgewählt oder zusammengestellt sind, daß nicht der objektive Zusammenhang und die objektive wechselseitige Abhängigkeit der historischen Erscheinungen in ihrer Gesamtheit dargestellt werden, sondern daß es sich um ein „subjektives" Machwerk zur Rechtfertigung einer vielleicht schmutzigen Sache handelt. Das kommt vor…. und häufiger, als man denkt.«3
Bei dem Pamphlet D. Möllers gegen die Schrift »Götterdämmerung über der ‚neuen Weltordnung‘« handelt es sich um ein solches subjektives Machwerk, das mit auf Beispielen fußenden Betrachtungen Missbrauch treibt, um das schmutzige Geschäft einer Diskreditierung der theoretischen Arbeit der MLPD zu betreiben. Dafür kann er sich die Mühe sparen, zum Wesen des Buches vorzudringen und die Neuorganisation der internationalen kapitalistischen Produktion zu begreifen. Von der konnte Lenin noch nichts wissen und folglich in seiner Imperialismus-Definition auch nicht berücksichtigen. Für den Zweck zu diffamieren und verächtlich zu machen, kann man sich gründliches Studium einer theoretischen Schrift sparen. Dazu reicht es völlig aus, Stellen mit vermeintlichen Kardinalfehlern zu entdecken und aus dem Zusammenhang gerissen vorzuführen. So nimmt D. Möller die Aussage des Buchs, dass die größten internationalen Übermonopole4 ein weltbeherrschendes Kartell gebildet haben, als vermeintlichen Beweis aufs Korn, dass die MLPD auf die Position des Renegaten Kautsky herabgesunken ist. Dieser hatte die Erwartung, dass anstelle des Kampfes der nationalen Finanzkapitale untereinander die gemeinsame Ausbeutung der Welt durch das internat verbündete Finanzkapital treten würde. Er schleudert uns als kategorischen Imperativ entgegen:
»Es gibt keine Gemeinsamkeit zwischen den immer extremer konkurrierenden Monopolen.«
Dann ist auch Lenin auf Kautsky hereingefallen, indem er Gemeinsamkeiten zwischen den unterschiedlichen Fraktionen des internationalen Finanzkapitals in Form von Bündnissen ausdrücklich anerkannte:
»‚Interimperialistische‘ oder ‚ultraimperialistische‘ Bündnisse sind daher in der kapitalistischen Wirklichkeit, und nicht in der banalen Spießerfantasie englischer Pfaffen oder des deutschen ‚Marxisten‘ Kautsky, notwendigerweise nur ‚Atempausen‘ zwischen Kriegen – gleichviel, in welcher Form diese Bündnisse geschlossen werden, ob in der Form einer imperialistischen Koalition gegen eine andere imperialistische Koalition oder in der Form eines allgemeinen Bündnisses aller imperialistischen Mächte. Friedliche Bündnisse bereiten Kriege vor und wachsen ihrerseits aus Kriegen hervor, bedingen sich gegenseitig, erzeugen einen Wechsel der Formen friedlichen und nicht friedlichen Kampfes auf ein und demselben Boden imperialistischer Zusammenhänge und Wechselbeziehungen der Weltwirtschaft und der Weltpolitik.«5
Tatsächlich ist es D. Möller, der in seinem metaphysischen Denken weltanschauliche Gemeinsamkeiten mit Kautsky aufweist. Die nachfolgende Polemik Lenins könnte auch auf Möller zutreffen:
»Der neunmalweise Kautsky aber trennt (…) ein Glied der einheitlichen Kette von dem anderen, trennt das heutige friedliche (und ultraimperialistische, ja sogar ultra-ultraimperialistische) Bündnis aller Mächte (…) von dem morgigen nicht friedlichen Konflikt, der übermorgen wiederum ein friedliches allgemeines Bündnis zur Aufteilung, sagen wir, der Türkei vorbereitet, usw. usf.«6
In der Wirklichkeit von Natur und Gesellschaft existieren Kampf und Einheit der Gegensätze Wie wäre es sonst zu erklären, dass sich das internationale Finanzkapital, vertreten durch die Staats- und Regierungschefs der G20-Länder, am 15. November 2008 zu einem »historischen Weltfinanzgipfel« traf? Es war die neue Dimension der Weltfinanzkrise und ihrer Wechselwirkung zur Weltwirtschaftskrise, worin das Finanzkapital die akute Gefahr eines Kollaps des imperialistischen Weltfinanzsystems und der international organisierten kapitalistischen Produktion erblickte. Gleichzeitig wuchs ihre gemeinsame Furcht, dass sich der Klassenkampf international auf breiter Front entfalten könne bis zu Massenstreiks, Unruhen, Aufständen und revolutionären Krisen. Unter zeitweiliger Zurückstellung der zwischenimperialistischen Widersprüche wurde erstmals ein gemeinsames international koordiniertes Krisenmanagement vereinbart.
Unzweifelhaft gab es ein gemeinsames Interesse an der Aufrechterhaltung der international organisierten kapitalistischen Produktion. Die Neuorganisation dieser Produktion war durch die erstmalige Wiederherstellung eines einheitlichen Weltmarkts infolge des Zusammenbruchs der sozialimperialistischen Sowjetunion und ihres neokolonialistischen Einflussbereichs RGW nicht nur möglich geworden. Das ökonomische Gesetz der Akkumulation des Kapitals, die Triebkraft der Expansion des Finanzkapitals, machte diese Neuorganisation auch notwendig. In den Vordergrund traten grenzüberschreitende Fusionen. Die länderübergreifende Zentralisation und Konzentration vor allem des monopolistischen Kapitals wurde zum charakteristischen Merkmal des Kapitalexports. Dieser Prozess ging in einer Welt vor sich, die bisher in erster Linie durch die nationalstaatliche Organisation der Produktion bestimmt war und traf auf unterschiedliche Produktionsnormen, Ausbildungsstandards, Tarifgefüge, Steuergesetze, Währungen usw., kurz: auf Rahmenbedingungen für die Kapitalverwertung, die nicht die mit dem internationalen Charakter der Produktivkräfte übereinstimmen. In dem Buch »Götterdämmerung über der ‚neuen Weltordnung‘« wird nachgewiesen, dass das
»zum unausweichlichen Zwang (führte), die für diese internationalisierte kapitalistische Produktionsweise notwendigen, weltweit relativ einheitlichen Standards, Normen und Bedingungen zu schaffen.«7
Die Neuorganisation der internationalen Produktion ging einher mit der Entwicklung einer neuen ökonomischen Stufe der Vergesellschaftung in Form des internationalen Charakters der Produktivkräfte, dem Verbund von Produktion und Verteilung durch die internationalen Monopole. Im Fortgang der Entwicklung des imperialistischen Weltsystems erwies sich die Einheit des internationalen Finanzkapitals labil und vorübergehend, also relativ. Sie konnte keinen Bestand haben, weil der Kampf der konkurrierenden Monopole absolut ist. Bereits 2003 zeigten wir im Buch »Götterdämmerung …« auf,
dass »In diesem Rahmen (der Neuorganisation der internationalen Produktion) ein erbitterter Kampf um die Vorherrschaft zwischen den internationalen Monopolen statt(findet). All das bringt eine neue Phase des Kampfs um die Neuaufteilung der Welt unter den internationalen Monopolen hervor, verschärft den internationalen Konkurrenzkampf bis zu Vernichtungsschlachten und erhöht die allgemeine Kriegsgefahr.«8 (S. 567).
Es kann kein Zweifel bestehen, dass wir uns längst in dieser von uns vorhergesagten neuen Phase befinden, weil sich die Kräfteverhältnisse geändert haben und das gemeinsame Krisenmanagement des internationalen Finanzkapitals der Vergangenheit angehört. Vor allem aber, weil der Versuch, die nationalstaatlichen Produktionsverhältnisse dem internationalen Charakter der Produktivkräfte anzupassen, unwiderruflich gescheitert ist. In diesem Sinne markierte der von den imperialistischen Kontrahenten bewusst herbeigeführte Ukrainekrieg einen Wendepunkt. Die Ultima Ratio des imperialistischen Weltsystems besteht nicht darin, die Konflikte zwischen den rivalisierenden Fraktionen des internationalen Finanzkapitals hauptsächlich durch Vereinbarungen, internationale Verträge, Abkommen und Reglements zu lösen, sondern in zunehmendem, schließlich vorherrschendem Maße durch wirtschaftliche und politische Erpressung, mit entfesselter Gewalt, mit imperialistischem Krieg.
Diethard Möller erleidet mit seinem Versuch, der MLPD und mir als Leiter ihres theoretischen Organs REVOLUTIONÄRER WEG einen Übergang auf die antikommunistischen theoretischen Positionen Trotzkis und Kautskys anzudichten, ein klägliches Fiasko. Dies ist nicht nur seinem Eklektizismus und seiner kleinbürgerlich-metaphysischen Denkweise geschuldet, sondern erweist sich als vorsätzliches Täuschungsmanöver, dessen Motiv ein kleinbürgerlicher Führungsanspruch ist.
Die eingetretene vorrevolutionäre Gärung stellt die internationale marxistisch-leninistische, revolutionäre und Arbeiterbewegung vor komplexe Aufgaben und eröffnet zugleich große Chancen. In Anbetracht dessen sind theoretische Manöver zum Zweck intellektueller Profilierung, gespickt mit feindlichen Attacken, wie Diethard Möller sie veranstaltet hat, nicht nur lächerlich, sondern auch in hohem Maße verantwortungslos, letztlich liquidatorisch. Was wir brauchen, ist wissenschaftliche Klarheit, sachliche proletarische Streitkultur, respektvoller Umgang und fester Willen zur praktischen Zusammenarbeit in der internationalen Koordinierung und Revolutionierung der Klassenkämpfe.
Die Massen wollen nicht in der kapitalistischen Barbarei versinken! Wir müssen uns aber im Klaren darüber sein, dass der Übergang von einer vorrevolutionären Situation zu einer akut revolutionären Situation wesentlich davon abhängt, ob die Arbeiter aus ihrer strategischen Defensive herauskommen und in eine Arbeiteroffensive übergehen. Am allerwichtigsten dafür ist, dass der Sozialismus wieder ein neues Ansehen bekommt, und dass wir in der Überzeugungsarbeit den echten Sozialismus als wirkliche Alternative zu diesem imperialistischen Weltsystem, das die ganze Menschheit bedroht, mehr propagieren und anschaulicher machen. Das ist eine Aufgabe, auf die sich die Marxisten-Leninisten weltweit vereinheitlichen und wozu sie sich befähigen müssen.
Stefan Engel, Klaus Arnecke, Gelsenkirchen, Oktober 2026
1 Friedrich Engels, Anti-Dühring, MEW Bd. 20, S. 21
2 Lenin, Werke Bd. 39, S. VII/VIII
3 Lenin, Werke, Bd. 23, S. 286
4 Wir haben ihre Zahl zum Zweck der Vergleichbarkeit auf die Zahl 500 begrenzt.
5 Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, Werke, Bd. 22, S. 301
6 Ebenda
7 Götterdämmerung über der ‚neuen Weltordnung‘, S. 565
8, Ebenda, S. 567